VDA-Porträt Univ.Prof. Dr. Michele Calella

Neben dem Klavierspiel habe ich Musikwissenschaft an den Universitäten Pavia/Cremona und Regensburg studiert. Nach einem zweijährigen Forschungsaufenthalt in Paris bin ich an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster gewechselt, um dort Musikwissenschaft, Romanistik und mittellateinische Philologie zu studieren. Das Thema meiner Dissertation war das Ensemble in der tragédie lyrique des späten Ancien Régime. Im Anschluss an meine Promotion war ich Assistent an den Universitäten Marburg und Zürich, wo ich mit einer Schrift zur musikalischen Autorschaft zwischen Mittelalter und Neuzeit habilitiert habe. Im Jahr 2005 wurde ich auf eine Professur für Musikwissenschaft an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien berufen und bin seit 2010 Universitätsprofessor für neuere historische Musikwissenschaft an der Universität Wien.

Ausgehend von theoretischen Modellen der Literatur- und Geschichtswissenschaft habe ich mich in den letzten Jahren darum bemüht, eine kritische Debatte über Möglichkeiten und Grenzen einer kulturwissenschaftlich inspirierten Musikwissenschaft in Gang zu setzen, vor allem in den mit Nikolaus Urbanek herausgegebenen Bänden Historische Musikwissenschaft: Grundlagen und Perspektiven (Stuttgart 2013) und Musikhistoriographie(n) (Wien 2015). Im Zentrum meiner aktuellen Interessen stehen u.a. die Verbindung von Diskursanalyse und Musik, fächerübergreifende Aspekte von Autorschaft und Intertextualität sowie die Analyse von musikbezogenen intermedialen Kopplungen (z.B. Musiktheater, Programmmusik, Film, Musikvideos usw.).

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass sich Dissertantinnen mit Forschungsgegenständen beschäftigen sollen, die sie für ästhetisch wertvoll halten. Ich stelle jedoch immer wieder fest, dass ihnen das theoretisch-methodische Rüstzeug fehlt, um adäquate Fragestellungen zu formulieren, die sich nicht auf ein Werturteil beschränken. In einigen Fächern wird die Feld- bzw. Quellenforschung oder der ästhetisch-kritische Umgang mit „(Kunst-)Werken“ während des Masterstudiums nicht immer ausreichend durch eine Reflexion der implizierten theoretischen Rahmenannahmen begleitet. Vor diesem Hintergrund sehe ich eine intensive innen- und interdisziplinäre Methodendiskussion als unentbehrlichen Bestandteil eines Doktoratsstudiums.