Porträt Univ.-Prof. Dr. Eva Horn

Ich habe in Bielefeld, Paris und Konstanz Germanistik, Romanistik und Philosophie studiert. Meine Dissertation (Trauer schreiben, München 1998) behandelt Texte der Goethezeit und fragt, wie Trauer und Totengedenken sich in Texten einer Zeit niederschlagen, die die Toten aus Alltag und Kunst verbannt hat. - Während dieses Buch von Textverfahren der Dekonstruktion und Modellen der Psychoanalyse geprägt war, habe ich mit meiner späteren Forschung eine Wende zu Foucault und seiner historischen Wissensarchäologie vollzogen. Die grundsätzliche Frage, die mein Buch über Geheimnis und Verrat im 20. Jhd. (Der geheime Krieg, Frankfurt/M. 2007) und mein Buch über Katastrophenimaginationen der Moderne (Zukunft als Katastrophe, Frankfurt/M. 2014) verbindet, ist die nach den Möglichkeitsbedingungen von Aussagen und Wissenarten. Wissen, ob in wissenschaftlichen, politischen oder ästhetischen Diskursen, unterliegt historisch spezifischen Regeln der Sagbarkeit. Diese habe ich versucht zu rekonstruieren, von der Romantik über den Kalten Krieg bis zur Gegenwart. Als Literaturwissenschaftlerin stelle ich mir dabei die Frage, wie Fiktion sich zu diesen Regeln verhält. Sie sind eine Form, Unsagbares oder Un-Wissbares auszusprechen oder auszumalen damit diese Regeln transparent zu machen, zu umgehen und manchmal auch ihre Grenzen aufzuzeigen.

Nach dem Doktorat war ich Leiterin des deutschen Graduiertenkollegs "Repräsentation-Rhetorik-Wissen" an der Europa-Universtität Viadrina in Frankfurt/Oder. Ich hatte dort Gelegenheit zu sehen, wie der Input verschiedener Theorien (Biopolitik mit Agamben, Medientheorie mit Kittler, Dekonstruktion mit Haverkamp und Derrida, Systemtheorie mit Werber u.v.a.m.) unsere Fragestellungen beeinflußt und geschärft hat. Etwas Ähnliches für Wien zu schaffen, war die grundlegende Idee für die VDA. Während des Studiums in Paris und der Habilitation in New York war der Kontakt mit fremden Wissenschaftssystemen und ungewohnten Theoriereferenzen wohl der wichtigste Impuls für mich, einen eigenen Denkstil zu entwickeln. Genau deshalb soll die VDA die Vernetzung mit internationalen Graduiertenschulen fördern.

Warum Theorien und Methoden? "Theoria" heißt ursprünglich "Anschauungsweise". Theorien sind Formen, an Dinge heranzugehen und sie in eine bestimmte Perspektive zu rücken. Denn Fragestellungen ergeben sich nicht aus dem Gegenstand selbst, sondern aus diesen Anschauungsweisen. Daher ist es wichtig, sie zu kennen und auf ihre Tragfähigkeit hin zu befragen. Ein Bewußtsein für Methoden geht mit einem Bewußtsein für diese Theorien als Anschauungsweisen einher: Methodisch vorzugehen, bedeutet, ein Werkzeug zu benutzen, das man sehr gut verstanden hat, das bestimmte Ergebnisse hervorbringt und von dem man weiss, warum man es benutzt. Das heisst nicht zuletzt, auch über die blinden Flecken nachzudenken, die das verwendete Werkzeug mit sich bringt.