VDA-Porträt Univ.-Prof. Dr. Peter Becker

Ich habe an der Universität Graz mit einer Dissertation zum Heiratsverhalten und zur vorehelichen Sexualität promoviert. In diesem Projekt habe ich mich mit den methodischen Zugängen der Mikrogeschichte und Historischen Anthropologie, mit der Vernetzung von Datenbanken im Rahmen einer Familienrekonstitution und mit quantitativen Methoden auseinandergesetzt. Eine deutlich revidierte Fassung dieser Dissertation erschien 1990 im Campus Verlag unter dem Titel Leben und Lieben in einem kalten Land.

Nach der Promotion konnte ich am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen und am Deutschen Historischen Institut in Washington, DC ein Habilitationsprojekt verfolgen, das die Geschichte von Kriminologie des 19. Jahrhunderts als Diskurs und Praxis untersucht hat. Die Rekonstruktion von Erzählmustern in ihrem Wandel stand dabei in engem Zusammenhang mit der Frage nach der Rolle dieser Denkstile für die Strukturierung von Kriminalpolitik und kriminalistischer Praxis. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes sind unter anderem in zwei Monographien publiziert: Verderbnis und Entartung (Göttingen 2002) und Dem Täter auf der Spur (Darmstadt 2005). Ein gemeinsam mit Richard Wetzell herausgegebener Sammelband (The Criminals and their Scientists, Cambridge 2006) hat die Verbindungen zwischen Kriminalpolitik, kriminologischem Diskurs sowie der Praxis von Polizei und Strafvollzug aus einer vergleichenden Perspektive weiter verfolgt. Mit den theoretisch-methodologischen Fragen setzt sich ein gemeinsam mit William Clark veröffentlichter Sammelband auseinander: Little Tools of Knowledge (Ann Arbor 2001)

Während meiner Lehrtätigkeit am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz begann die Arbeit an einem neuen Themenschwerpunkt: kulturwissenschaftlich inspirierten Zugängen zur Geschichte von Staat, Verwaltung und Governance. Theoretische Anregungen stammen aus der Akteurs-Netzwerk-Theorie und der Governance-Forschung. In einem Sammelband (Sprachvollzug im Amt, Bielefeld 2011) habe ich Resultate einer Kommunikationsgeschichte der öffentlichen Verwaltung publiziert. Aktuell arbeite ich an dem Relaunch eines Open Access Jahrbuchs zur Geschichte von Staat und Verwaltung, das unter dem Namen Administory im Herbst 2016 online gehen wird. Ein zweiter Arbeitsschwerpunkt liegt im Bereich der Geschichte des Internationalismus und der internationalen Organisationen.

Mission Statement: Theorien- und Methodenkompetenz ist für wissenschaftliche Forschung in den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften unverzichtbar. Sie stellt das konzeptuelle Rüstzeug bereit, das dem analytischen Blick die nötige Tiefenschärfe verleiht. Theoriekompetenz ist aus meiner Sicht jedoch nicht beschränkt auf die Kenntnis der theoretischen Debatten. Sie muss darüber hinausgehen und sich auf den Dialog zwischen theoretisch informierter Fragestellung und methodisch angeleiteter empirischer Forschung erstrecken. Ein solcher Dialog wird erleichtert im Austausch mit Anderen – mit Betreuerinnen und Betreuern ebenso wie mit den peers. Für mich ist eine wesentliche Aufgabe der VDA, die Begegnungsräume für einen solchen Austausch zu schaffen.